Noch im Museum erreichte mich der Anruf meines pakistanischen Freundes Wilayat, den ich neun Monate vorher auf Facebook kennengelernt hatte und während meines Aufenthaltes sehr gern persönlich kennenlernen wollte. Ich war mir gar nicht so sicher gewesen, ob ein solches Treffen überhaupt möglich sein würde. Die Sitten erlauben kaum einen intensiveren Umgang zwischen Mann und Frau, die nicht mit einander verheiratet sind. Das Auswärtige Amt formuliert das so:

„Die für das Verhältnis zwischen Mann und Frau geltende Gesetze und Regeln sind unbedingt zu beachten. Über das im alltäglichen Umgang Übliche hinausgehende Kontakte zwischen Nichtverheirateten können geahndet werden.“

Doch Wilayat überraschte mich mit der Einladung zu einer paschtunischen Hochzeit in seiner Familie. Jedoch lag der Ort nahe Charsadda bei Peschawar in der Provinz Khyper Pakhtunkhwa, unweit vom nicht ohne weiteres zugänglichen Stammesgebiet. Sami regelte alle notwendigen Formalitäten und bot an, mich für einen Tagesausflug dorthin zu begleiten. Ursprünglich hatte ich einen Ausflug bis in diese Gegend nicht für möglich gehalten, doch nur allzu gern nahm ich dieses vielleicht einmalige Angebot an.
In aller Frühe machten wir uns auf dem Islamabad-Peshawar-Motorway später über die Charsadda Road auf zu dem paschtunischen Dorf Gulbela, wo die insgesamt dreitägige Hochzeit stattfinden sollte.
 
Die gut ausgebaute Autobahn verlassend bot sich mir ein viel authentischeres Bild. Zwischen Zuckerrohrfeldern und Obstplantagen lagen dicht bevölkerte Dörfer und Städtchen mit unglaublich vielen Menschen und einem chaotischen Wirrwarr unzähliger Vehikels, vom modernen meist japanischen Auto bis zur Rikscha oder Eselskarren.Geduldig und unerschrocken bahnte sich Sami mit unserem Toyota einen Weg. Selbst zu Fuß gelangten viele Leute von einer Ortschaft zur anderen.
Hier sah ich auch die ersten Frauen in Burka. Aber es machte so auch absolut Sinn. Sie entzogen sich nicht nur den Blicken von Fremden, sondern konnten sich auch vor Staub und Sonne schützen.


Als wir am hoch eingezäunten Hof vorfuhren, riefen eilig herbei geeilte Kinder ganz aufgeregt:
„… die Engländerin kommt, die Engländerin kommt…!“ Ich wurde im Inneren des Hofes in den Frauenbereich, zu dem außer Frauen nur die engen männlichen Verwandten Zugang hatten, geführt. Mein Reiseleiter jedoch sollte den Tag bei den anderen männlichen Gästen in einem anderen Bereich verbringen.
Ich musste auf einem Bett Platz nehmen, wo ich überschwänglich begrüßt und bewirtet wurde.
Es waren sicher 100 Frauen, Kinder und einige Männer, die in Wellen immer wieder in den Raum traten, um mich teils verhalten, teils freudig zu beäugen. Einige enger zur Familie gehörige Mädchen boten mir mit Gesten an, meine Hände mit Henna zu bemalen. Vorher steckten sie mir als Geschenk unzählige ihrer Ringe und Armreifen an, da sie ja in das Mehndi-Dekor kunstvoll einbezogen werden sollten. Doch eines ließ ihnen offensichtlich keine Ruhe. Ich war unverschleiert, wenn auch komplett mit Kleidung bedeckt, gekommen. Nur mit einem großen Tuch umschlang ich Oberkörper und Schultern. Schnell schenkten sie mir einen weißen Dupatta, der auf meinem Kopf landete.

mde
Leider durfte ich die paschtunischen Frauen nicht fotografieren.


Endlich trat schüchtern die verstört wirkende Braut vor und ich konnte ihr ein kleines Geschenk überreichen. Das Mädchen war höchstens 15 oder 16 Jahre jung. Nach der Hochzeit müssen die allesamt sehr jungen paschtunischen Bräute, die bestenfalls eine gewisse Zeit eine Koranschule absolvieren konnten, ihr Elternhaus verlassen und fortan im Haus der Eltern des Bräutigams wohnen, den sie praktisch gar nicht kennen.

In dieser Region werden die Ehen bis auf wenige Ausnahmen von den Eltern arrangiert. Während die jungen Männer noch ein gewisses Mitspracherecht haben, werden die Mädchen meist gar nicht gefragt. Es herrscht die Meinung, die Liebe komme dann schon von alleine…
Zu meinem Erstaunen erlebte ich während des Tages bei dieser Familie eine sehr heitere und fürsorgliche Atmosphäre. Auch die ebenfalls sehr junge Braut, die in der Woche zuvor in diese Familie verheiratet wurde, lächelte in ihrem reich bestickten Kleid und mit schönem Schmuck voll sanftmütiger Zufriedenheit. Als ich jedoch erfuhr, dass ein neunjähriges Mädchen, bereits einem wesentlich älteren Mann bei ihrer Volljährigkeit (wobei wohl eher ihre körperliche Reife gemeint war) versprochen sei, kam ich doch an meine Grenzen. Aber auch für diesen Schock war ich dankbar, denn eine Verklärung anderer Kulturen liegt mir absolut fern.

Später boten junge Frauen zu Gesang und Trommeln einen Hochzeitstanz, der die wechselvollen Gefühle von Trauer über den Abschied bis zum hoffnungsvollen Neuanfang widerspiegelte. Sie bezogen mich immer wieder in den Tanz ein und so steuerte ich unter Klatschen und Mitschwenken immerhin gelegentlich einen orientalischen Freudentriller (Zagarid) bei. Immer wieder wurde ich mit leckerem Tee, der mit Milch zubereitet wird, und Charsadda Reis und Süßigkeiten verwöhnt. Der Charsadda Reis wurde übrigens von den Männern gekocht und zwar in riesigen Kesseln auf offenem Feuer. Eine archaische anmutende Szene, von der man nicht weiß, in welchem Jahrhundert sie gerade stattfindet. Die Hauptzutaten für den weithin bekannten Charsaddareis sind neben Reis, Fleisch-Meat, Zwiebel und Gewürzen.


Was sich genau im Männerbereich abspielte, konnte ich dann in einem Handyvideo sehen, das extra für mich aufgenommen wurde. Ich fand, bei uns Frauen war es lustiger gewesen.
Früher oder später muss man müssen. Zum Glück hatte ich mich auf diese Reise ja sehr genau vorbereitet: Von diversen Schutzimpfungen bis Stirnlampe bei Stromsperre hatte ich an alles gedacht. So wusste ich natürlich auch von den dort üblichen Hocktoiletten. Also nur nicht abschrecken lassen: Die Lösung hieß wegwerfbare Taschenörtchen. So konnte ich das Angebot der Frauen, mir bei der Toilette zu helfen, abschlagen. Sogar der Imam wollte mir einen Stuhl ins Bad stellen. Alle waren so umwerfend gastfreundlich. Ich war glücklich, aber irgendwann auch absolut platt.

Die Frauen wollten mir, nachdem die meisten Gäste gegangen waren, noch vor der Abfahrt am Abend ein Kleid nähen und schenken. Schnell wurde ein männliches Familienmitglied zum Markt geschickt und ich konnte mir unter drei verschiedenen Stoffsets, die für Kleid, Hose und Schleier, eines aussuchen.

Während die Frauen an einer Nähmaschine, die am Boden mit der Hand angetrieben wurde, emsig schneiderten, sollte ich mit den nahen männlichen Verwandten etwas Konversation führen. Das vollzog sich auf Englisch beziehungsweise auf Paschtu, dass dann wieder ins Englische übersetzt wurde. Ein gebührender räumlicher Abstand wurde eingehalten, aber die Fragen waren schon auch persönlicher Natur.

Unter anderem, warum ich nur ein Bein habe, wie alt ich und meine fünf Kinder seien und ob ich mir einen Mann in Pakistan aussuchen möchte. Einige setzten sich schon mal in Positur…

Doch zum Glück gab es einen Themenwechsel: Das Kleid, die Einbeinerhose und der Dupatta waren fertig und passten perfekt und ich bedankte mich mit manana, dem paschtunischen Wort für Danke. 

dav
In höchstens zwei Stunden wurde mir dieses wunderschöne Kleid auf den Leib geschneidert.

Die Dunkelheit kam unvermittelt und wir fuhren die 200 Kilometer zurück nach Islamabad. Zu meiner Überraschung wurde Wilayat von seiner Familie zu meinem Schutz mitgeschickt. Denn auch die jungen Männer müssen sich strengen Regeln, vor allem im Umgang mit Frauen, unterwerfen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s